
Brauchen Hunde Getreide oder ist getreidefrei besser?
Getreidefrei klingt gesund, ist aber ein Marketing-Mythos. Was die FDA-Studie zu DCM zeigt und warum Reis und Hafer im Hundenapf sinnvoll sind.

Bei unserer Nami funktioniert Reis problemlos, Hafer auch. Bei Weizen hatten wir mal Probleme — daher meiden wir den.
"Mein Hund ist Karnivor, der braucht kein Getreide." Diesen Satz hört man in Hundeforen ungefähr fünfmal am Tag. Klingt logisch, ist aber wissenschaftlich nicht haltbar — und in bestimmten Konstellationen sogar gefährlich. Schauen wir uns das mal nüchtern an.
Hunde sind keine Wölfe mehr
Das ist nicht polemisch gemeint, das ist Genetik. 2013 erschien im Fachjournal Nature eine Studie der Universität Uppsala, die das Genom von Haushund und Wolf verglich. Das Ergebnis: Hunde haben im Schnitt deutlich mehr Kopien des AMY2B-Gens, das im Pankreas Amylase produziert — also genau das Enzym, das Stärke spaltet. Wölfe haben in der Regel zwei Kopien, Hunde oft acht, manche Rassen sogar bis zu 30. Diese genetische Anpassung ist im Lauf der etwa 15.000 bis 20.000 Jahre Domestizierung passiert, parallel zur Sesshaftwerdung des Menschen und zum Ackerbau.
Heißt im Klartext: Hunde verdauen gekochte Stärke aus Reis, Hafer, Kartoffel oder Hirse sehr gut. Das ist kein Notbehelf, sondern Teil ihrer Biologie. Bestimmte primitive Rassen wie Husky oder Akita haben übrigens etwas weniger AMY2B-Kopien — das ist auch der Grund, warum Husky-Halter manchmal von empfindlicheren Mägen berichten. Aber selbst Huskies verdauen Stärke besser als jeder Wolf.
Der getreidefreie Hype und woher er kommt
Getreidefrei ist ein Marketing-Trend, der ungefähr 2010 in den USA begann und schnell auch in Deutschland angekommen ist. Die Logik dahinter klingt einfach: Hund = Wolf = Fleischfresser = kein Getreide. Hersteller haben den Trend dankbar aufgegriffen, weil getreidefreie Futter sich teurer verkaufen lassen.
Was in den meisten getreidefreien Trockenfuttersorten passiert: Statt Reis oder Mais kommen Hülsenfrüchte rein — Erbsen, Linsen, Kichererbsen. Manchmal auch Kartoffel oder Süßkartoffel. Klingt harmlos, ist es aber nicht in jedem Fall.
Die FDA-Warnung von 2018 und was sie bedeutet
Im Juli 2018 veröffentlichte die US-amerikanische Food and Drug Administration eine erste Warnung: Bei Hunden mit getreidefreier Ernährung — speziell mit hohem Anteil an Erbsen, Linsen oder Kartoffeln — wurden gehäuft Fälle von DCM beobachtet. DCM, dilatative Kardiomyopathie, ist eine Herzmuskel-Erkrankung, bei der sich die Herzkammern erweitern und der Muskel schwächer pumpt.
Bestimmte Rassen wie Doberman, Boxer oder Irish Wolfhound sind genetisch für DCM prädisponiert, das ist lange bekannt. Was die FDA stutzig machte: DCM trat plötzlich vermehrt auch bei Rassen auf, die normalerweise nicht betroffen sind — Golden Retriever, Mischlinge, Labrador. Der gemeinsame Nenner war oft eine getreidefreie Diät mit Hülsenfrüchten als Hauptkohlenhydratquelle.
Die FDA hat seither mehrere Updates veröffentlicht. Eine endgültige kausale Erklärung gibt es bis heute nicht — möglicherweise spielt Taurin eine Rolle, möglicherweise eine Kombination aus mehreren Faktoren. Aber die Warnung besteht weiter, und sowohl die FDA als auch viele Veterinär-Kardiologen empfehlen, Hülsenfrüchte nicht als Hauptkohlenhydratquelle einzusetzen, wenn keine medizinische Indikation vorliegt.
In Deutschland hat die Tierärztliche Hochschule Hannover sich der Thematik ebenfalls angenommen und dokumentiert vereinzelt entsprechende Fälle. Der VDH und der Tierschutzbund halten sich zurück mit pauschalen Empfehlungen, raten aber von "Trend-Diäten" ohne tierärztliche Begleitung ab.
Wann getreidefrei wirklich sinnvoll ist
Es gibt Fälle, in denen getreidefreies Futter die richtige Wahl ist:
- Bei einer diagnostizierten Getreideallergie, festgestellt durch eine Eliminationsdiät beim Tierarzt. Das ist allerdings deutlich seltener, als die Industrie suggeriert. Die häufigsten Allergene bei Hunden sind tierische Proteine — Rind, Huhn, Milchprodukte — nicht Getreide.
- Bei bestimmten Stoffwechselerkrankungen, wo der Tierarzt eine kohlenhydratarme Diät verschreibt.
- Bei akuten Magen-Darm-Episoden kann eine kurze getreidefreie Phase mit Hüttenkäse und Süßkartoffel helfen.
Wenn dein Hund einfach nur "irgendwie sensibel" wirkt, ist getreidefrei selten die Antwort. Häufiger ist die Lösung: weniger Sorten, klarere Zutatenlisten, eine echte Ausschlussdiät.
Welches Getreide ist gut?
Reis ist der Klassiker und mit Abstand am besten verträglich. Vollkornreis enthält etwas mehr Ballaststoffe, weißer Reis ist bei Magen-Darm-Problemen sanfter. 60 bis 80 Prozent gar gekocht, dann ist die Stärke gut aufgeschlossen.
Hafer ist ehrlich gesagt unterschätzt. Hafer enthält Beta-Glucane, ist sättigend, glutenarm und liefert wertvolle B-Vitamine. Haferflocken in Wasser eingeweicht oder zu Brei gekocht sind eine super Basis.
Hirse ist von Natur aus glutenfrei und wird oft sehr gut vertragen. Sie liefert Eisen und Magnesium und ist eine gute Alternative zu Reis, wenn du Abwechslung in den Speiseplan bringen möchtest.
Mais und Weizen funktionieren grundsätzlich auch, sind aber häufiger mit Allergien assoziiert als Reis und Hafer. Wenn dein Hund unproblematisch ist, ist da kein Drama. Wenn er empfindlich reagiert, sind Reis, Hafer und Hirse die sichereren Karten.
Was heißt das für deinen Napf?
Eine ausgewogene selbstgekochte Mahlzeit besteht grob aus rund 50 Prozent Fleisch oder Fisch, 25 Prozent gekochten Kohlenhydraten, 20 Prozent Gemüse und einem kleinen Anteil Öl. Die Kohlenhydrate dürfen Reis, Hafer, Kartoffel oder Hirse sein — das wechselst du am besten ab. Getreide ist also kein Füllstoff, sondern ein sinnvoller Bestandteil, solange dein Hund keine echte Allergie hat.
Du willst nicht raten, sondern rechnen?
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Geschrieben von
DoggoMeal Redaktion
Die DoggoMeal Redaktion arbeitet seit 2024 an einer Hunde-Rezepte-App. Im Team kochen wir täglich frisch für vier Hunde — Border Collie, Labrador, Mischling und French Bulldog — und schreiben unsere Erfahrungen, Mengen und Lessons Learned in dieses Magazin. Jede Aussage zu Mengen oder Krankheiten checken wir gegen den Tierschutzbund, den VDH oder Studien aus PubMed.
Häufige Fragen
+Sind Hunde nicht eigentlich Wölfe und sollten kein Getreide essen?
Hunde haben sich im Laufe der Domestizierung genetisch vom Wolf entfernt. Studien zeigen, dass Haushunde im Vergleich zum Wolf deutlich mehr Kopien des AMY2B-Gens besitzen, das für die Stärkeverdauung im Pankreas zuständig ist. Sie verdauen gekochte Stärke also gut und das ist evolutionär bewiesen, nicht spekulativ.
+Was ist DCM und was hat das mit getreidefreiem Futter zu tun?
DCM steht für dilatative Kardiomyopathie, eine Herzmuskel-Erkrankung. Die FDA hat seit 2018 einen Zusammenhang zwischen bestimmten getreidefreien Diäten — vor allem mit hohem Hülsenfrüchte-Anteil wie Erbsen und Linsen — und gehäuften DCM-Fällen bei Rassen untersucht, die genetisch eigentlich nicht prädisponiert sind. Eine endgültige kausale Erklärung steht aus, aber die Warnung der FDA besteht weiter.
+Wann ist getreidefreies Futter wirklich sinnvoll?
Bei einer diagnostizierten Getreideallergie oder -unverträglichkeit, die durch eine Ausschlussdiät beim Tierarzt festgestellt wurde. Echte Getreideallergien sind allerdings selten — viel häufiger reagieren Hunde auf bestimmte tierische Proteine wie Rind oder Huhn. Eine Eliminationsdiät schafft Klarheit.



